Der goldene Käfig

Es war einmal ein kleiner Junge, der war sehr einsam. Alle seine Freunde waren oberflächlich und er konnte, wenn er sich mit seinen Freunden traf nie er selbst sein. Auch wenn er viele Freunde hatte, so konnte es ihn nicht darüber hinweg trösten, dass er sich immer und überall einsam und alleine fühlte, selbst wenn er sich mit all seinen Freunden traf und doch Spaß hatte, allerdings nur oberflächlich, denn alles was er tat war getrübt durch das Gefühl der Einsamkeit.

Eines schönen Tages ging er im Park spazieren. Er dachte über Gott und die Welt nach, auch wenn Gott wohl nie über ihn nachzudenken schien, denn sonst würde Gott ihm helfen und er würde sich nicht mehr so alleine fühlen. Und während er in Gedanken Gott fragte, warum er es nicht verdient hatte von ihm beachtet zu werden, stolperte er fast über einen kleinen bunten Vogel der vor ihm über den Weg hinkte.

Er wollte gerade mit dem Fuß ausholen und nach dem Vogel treten, als dieser in ansah und anfing zu zwitschern. Das Zwitschern des Vogels war so herzallerliebst, dass es dem Jungen fast das Herz brach, dass er überhaupt jemals einen Vogel erschreckt hatte, so dass dieser wegflog.

Der Junge bückte sich zu dem Vogel herunter und war erstaunt, dass dieser nicht sofort wegflog. Er streckte seine Hand aus und der kleine Vogel hüpfte sanft darauf. Der Junge hob den Vogel an sein Gesicht. Das Federkleid des Vogels erstrahlte in den schönsten Farben und das Sonnenlicht wurde von den Federn reflektiert. Der Junge spürte in seinem Innern, dass diese Situation etwas ganz besonderes war. Er glaubte zwar nicht daran, dass Gott ihn sofort erhört hatte, aber es sah diese Begegnung doch als eine Art Wink mit dem Zaunpfahl an, denn seit der diesen kleinen zarten Vogel auf seiner Hand sitzen hatte, fühlte er sich zum ersten Mal im Leben nicht mehr einsam. Auch der Vogel schien sich auf der Hand des Jungen wohl zu fühlen, denn er piepse einmal und steckte dann seinen Kopf unter einer seiner Flügel und schloss die Augen. So wie es aussah, hatte der kleine Vogel lange keine Zeit mehr gehabt sich auszuruhen.

Während der Vogel auf der Hand des Jungen vor sich hin döste, betrachtete der Junge den Vogel noch ein wenig genauer. Er bemerkte jetzt erst warum der Vogel so gehumpelt hatte, denn er hatte einen kleinen aber spitzen Rosendorn unter einem Fuß. Vorsichtig, um den Vogel nicht aufzuwecken, nähert sich der Junge mit der Hand dem Gefieder des Vogels, weil der das dringende Bedürfnis hat ihn anzufassen. Und auch diesmal überrascht der Vogel den Jungen. Der Vogel öffnet die Augen, sieht den Finger auf sich zukommen und bleibt still stehen. Er scheint den Jungen auffordernd anzusehen und sagen zu wollen: „Na los, worauf wartest du. Ich habe keine Angst vor dir“. Als der Junge das Gefieder des Vogels berührt hat er das Gefühl die zarteste Seide zu fühlen und er scheint die Federn auch nicht nur an seinen Fingern zu spüren sondern tief im Herzen, als ob nicht er den Vogel streicheln würde, sondern der Vogel sein Herz um es zu heilen.

Der Junge läuft langsam und vorsichtig nach Hause um den Vogel nicht doch noch zu erschrecken, aber selbst wenn er mal stolpert, weil er die Augen nicht vom Vogel lassen konnte und über eine Wurzel oder Bordsteinkante gelaufen ist, rührt sich der Vogel keinen Millimeter weiter.

Zu Hause angekommen zeigt der Junge den Vogel seinen Eltern und seinen Geschwistern. Diese sind zuerst skeptisch, weil er sonst kein gutes Verhältnis zu Tieren hatte, spüren aber auch, dass der Vogel etwas in dem Jungen verändert hat. Er strahlt auf einmal eine Ruhe aus, die seine Familie zuvor nicht von ihm kannten.

 Der Junge baute dem Vogel in seinem Zimmer dann einen kleinen Käfig, weil oft das Fenster auf war und er den Vogel nicht mehr gehen lassen wollte. Wenn es um den Vogel ging wurde er ganz egoistisch. Niemand durfte ihn anfassen und es durfte keiner den Käfig öffnen, wenn er nicht vorher überprüft hatte, dass auch bloß alle Fenster geschlossen waren. Der Vogel schien seine neue Umgebung zu genießen. Er zwitscherte und piepste den ganzen Tag und immer wenn der Junge seine Hand zum Vogel in den Käfig streckte hüpfte er vergnügt auf diese und sang noch schöner um dem Jungen zu gefallen.

 Der Junge war so glücklich, dass er in der ersten paar Monaten blind vor Glück war.

 Er stellte Nachforschungen an, weil das Gefieder ihn jeden Tag mehr verzauberte und erfuhr so, dass er einen Kolibri gefunden hatte. Das war um so überraschender als dass es in der Gegend überhaupt keine Kolibripopulation gab und soweit er wusste noch nicht einmal in dem örtlichen Zoo.

 Nachdem er dies erfahren hatte, fand der Junge, der selbstgebastelte Käfig wäre zu schäbig und zu klein für so einen edlen Vogel. Er ging in die nächst Zoohandlung und fand dort einen Käfig, der genau seinen Vorstellungen entsprach und nahm diesen sofort mit. Außerdem kaufte er noch einiges an Spielzeug und schönen Dingen, mit denen er dem Vogel eine Freude machen wollte. Denn der Junge hatte bald nicht mehr ganz so viel Zeit für den Vogel und da er ihn nicht frei fliegen lassen wollte, musste der Vogel oft mehrere Tage im Käfig bleiben. Der Junge wusste, dass es dem Vogel schwer fallen würde und wollte deshalb den Käfig so schön wie möglich machen. Dabei vergaß er allerdings, dass der Vogel die Freiheit gewohnt war und dieser goldene Käfig mit dem ganzen schicken Dingen engten den Vogel nur ein. Der Vogel freute sich über die Geschenke und spielte damit, aber er hätte sich gewünscht, dass der Junge ihn häufiger rauslassen würde und vielleicht auch einmal mit ihm in die freie Natur gehen würde, aber der Junge hatte zuviel Angst.

 Immer wenn er den Vogel mal aus dem Käfig lies war er misstrauisch, das dieser nicht freiwillig wieder zurückkommt oder doch einmal ein offenes Fenster findet und verschwindet. Der Junge hatte so eine große Angst davor, dass er dem Vogel die Freiheiten nahm und ihn immer seltener einen Flug gönnte. Langsam wurde der Vogel immer trauriger und wenn der Junge die Hand in den Käfig hielt schaute der Vogel nur verwirrt und fiepste einmal leise.

 Der Junge schloss daraus, dass er sich zu wenig Mühe mit dem Vogel gab und versuchte soviel Zeit wie möglich mit den Vogel zu verbringen. Er las dem Vogel Geschichten vor, sang mit ihm und spielte den ganzen Tag Musik.

 Einmal ließ er den Vogel doch raus, weil er ihm leidtat und der Vogel fand tatsächlich einen Weg aus der Wohnung des Jungen. Dies brach den Jungen fast das Herz. Er setze alles in Bewegung und suchte draußen nach dem Vogel.

 Er fand ihn nicht. Alles Glück schien den Jungen verlassen zu haben und er war so traurig und allein wie noch nie in seinem Leben.

 Als er nach Hause kam, dachte er dass er vor lauter Kummer schon halluzinieren würde, denn als er die Wohnung betrag hörte er das schöne Singen seines Vogels. Der Eindruck des Halluzinierens wurde noch dadurch verstärkt, dass der Vogel so schön sang, wie er es noch nie getan hatte. Das Zwitschern war eine Melodie die den Jungen in sein Zimmer lockte, ohne dass er sich dagegen wehren konnte.

 Als der Junge dann sein Zimmer betrat, saß der Vogel auf dem goldenen Käfig und schaute den Jungen an. Er zwitscherte so laut, dass es dem Jungen schon fast wehtat und schien zu schreien und zu jubeln: „Siehst du ich wollte dich nie verlassen. Ich brauche zwar ab und zu meine Freiheiten aber ich brauche auch Dich.“

 Und von dem Tag an, hatte der Junge keine Angst mehr den Vogel frei fliegen zu lassen, das Türchen den Käfigs stand immer offen und auch die Fenster waren kein Hindernis mehr für den Vogel. Nach jedem kurzen Ausflug kam der Vogel zurück und sang so schön wie an diesem einen Tag im Park, als der Junge den Vogel in sein Herz geschlossen hatte. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

Und die Moral von der Geschichte: Ein goldener Käfig mag zwar schön sein, aber es ist immer noch ein Käfig.



 

Der Gevatter Tod

Es hatte ein armer Mann zwölf Kinder und mußte Tag und Nacht arbeiten damit er ihnen nur Brot geben konnte. Als nun das dreizehnte zur Welt kam, wußte er sich in seiner Noth nicht zu helfen, lief hinaus auf die große Landstraße und wollte den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter bitten. Der erste der ihm begegnete, das war der liebe Gott, der wußte schon was er auf dem Herzen hatte , und sprach zu ihm 'armer Mann, du dauerst mich, ich will dein Kind aus der Taufe heben, will für es sorgen und es glücklich machen auf Erden.' Der Mann sprach 'wer bist du?' 'Ich bin der liebe Gott.' 'So begehr ich dich nicht zu Gevatter,' sagte der Mann, 'du gibst dem Reichen und lässest den Armen hungern.' Das sprach der Mann, weil er nicht wußte wie weislich Gott Reichthum und Armuth vertheilt. Also wendete er sich von dem Herrn und gieng weiter. Da trat der Teufel zu ihm und sprach 'was suchst du? willst du mich zum Pathen deines Kindes nehmen, so will ich ihm Gold die Hülle und Fülle und alle Lust der Welt dazu geben.' Der Mann fragte 'wer bist du?' 'Ich bin der Teufel.' ' So begehr ich dich nicht zum Gevatter,' sprach der Mann, 'du betrügst und verführst die Menschen.' Er gieng weiter, da kam der dürrbeinige Tod auf ihn zugeschritten und sprach 'nimm mich zu Gevatter.' Der Mann fragte 'wer bist du?' 'Ich bin der Tod, der alle gleich macht.' Da sprach der Mann 'du bist der rechte, du holst den Reichen wie den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann sein.' Der Tod antwortete 'ich will dein Kind reich und berühmt machen, denn wer mich zum Freunde hat, dem kanns nicht fehlen.' Der Mann sprach 'künftigen Sonntag ist die Taufe, da stelle dich zu rechter Zeit ein.' Der Tod erschien, wie er versprochen hatte, und stand ganz ordentlich Gevatter. Als der Knabe zu Jahren gekommen war, trat zu einer Zeit der Pathe ein und hieß ihn mitgehen. Er führte ihn hinaus in den Wald, zeigte ihm ein Kraut, das da wuchs, und sprach 'jetzt sollst du dein Pathengeschenk empfangen. Ich mache dich zu einem berühmten Arzt. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedesmal erscheinen: steh ich zu Häupten des Kranken, so kannst du keck sprechen, du wolltest ihn wieder gesund machen, und gibst du ihm dann von jenem Kraut ein, so wird er genesen; steh ich aber zu Füßen des Kranken, so ist er mein, und du mußt sagen alle Hilfe sei umsonst und kein Arzt in der Welt könne ihn retten. Aber hüte dich daß du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst, es könnte dir schlimm ergehen.'
Es dauerte nicht lange, so war der Jüngling der berühmteste Arzt auf der ganzen Welt. 'Er braucht nur den Kranken anzusehen, so weiß er schon wie es steht, ob er wieder gesund wird, oder ob er sterben muß,' so hieß es von ihm, und weit und breit kamen die Leute herbei, holten ihn zu den Kranken und gaben ihm so viel Gold, daß er bald ein reicher Mann war. Nun trug es sich zu, daß der König erkrankte: der Arzt ward berufen und sollte sagen ob Genesung möglich wäre. Wie er aber zu dem Bette trat, so stand der Tod zu den Füßen des Kranken, und da war für ihn kein Kraut mehr gewachsen. 'Wenn ich doch einmal den Tod überlisten könnte,' dachte der Arzt, 'er wirds freilich übel nehmen, aber da ich sein Pathe bin, so drückt er wohl ein Auge zu: ich wills wagen.' Er faßte also den Kranken und legte ihn verkehrt, so daß der Tod zu Häupten desselben zu stehen kam. Dann gab er ihm von dem Kraute ein, und der König erholte sich und ward wieder gesund. Der Tod aber kam zu dem Arzte, machte ein böses und finsteres Gesicht, drohte mit dem Finger und sagte 'du hast mich hinter das Licht geführt: diesmal will ich dirs nachsehen, weil du mein Pathe bist, aber wagst du das noch einmal, so geht dirs an den Kragen, und ich nehme dich selbst mit fort.'
Bald hernach verfiel die Tochter des Königs in eine schwere Krankheit. Sie war sein einziges Kind, er weinte Tag und Nacht, daß ihm die Augen erblindeten, und ließ bekannt machen wer sie vom Tode errettete, der sollte ihr Gemahl werden und die Krone erben. Der Arzt, als er zu dem Bette der Kranken kam, erblickte den Tod zu ihren Füßen. Er hätte sich der Warnung seines Pathen erinnern sollen, aber die große Schönheit der Königstochter und das Glück ihr Gemahl zu werden bethörten ihn so, daß er alle Gedanken in den Wind schlug. Er sah nicht daß der Tod ihm zornige Blicke zuwarf und mit der Faust drohte; er hob die Kranke auf, und legte ihr Haupt dahin, wo die Füße gelegen hatten. Dann gab er ihr das Kraut ein, und alsbald rötheten sich ihre Wangen, und das Leben regte sich von neuem.
Der Tod, als er sich zum zweitenmal um sein Eigenthum betrogen sah, gieng mit langen Schritten auf den Arzt zu und sprach 'nun kommt die Reihe an dich,' packte ihn mit seiner eiskalten Hand so hart, daß er nicht widerstehen konnte, und führte ihn in eine unterirdische Höhle. Da sah er wie tausend und tausend Lichter in unübersehbaren Reihen brannten, einige groß, andere halbgroß, andere klein. Jeden Augenblick verloschen einige, andere dagegen brannten wieder auf, also daß die Flämmchen in beständigem Wechsel hin und her zu hüpfen schienen. 'Siehst du,' sprach der Tod, 'das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halbgroßen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch haben auch Kinder und junge Leute oft nur ein kleines Lichtchen.' Der Arzt bat er möchte ihm auch sein Lebenslicht zeigen. Der Tod deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte und sagte 'siehst du, da ist es.' 'Ach, lieber Pathe,' sagte der erschrockene Arzt, 'zündet mir ein neues an, thut mirs zu liebe, damit ich meines Lebens genießen kann, König werde und Gemahl der schönen Königstochter.' 'Ich kann nicht,' antwortete der Tod, 'erst muß eins verlöschen, eh ein neues anbrennt.' 'So setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt sobald jenes zu Ende ist,' sprach der Arzt. Der Tod stellte sich als ob er seinen Wunsch erfüllen wollte, langte ein frisches großes Licht herbei: aber beim Umstecken versah ers, um sich zu rächen, absichtlich, und das Stückchen fiel und verlosch. Da sank der Arzt zu Boden, und war nun selbst in die Hand des Todes gefallen.

 


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